Krise an Sachsens Schulen
Krise an Sachsens Schulen, Foto: pixabay

Mehr als 534.000 Schülerinnen und Schüler starten in Sachsen in das neue Schuljahr 2025/26. Für rund 37.000 Erstklässler beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Auf den ersten Blick klingt das nach einem normalen Schulstart. Doch hinter den offiziellen Erfolgsmeldungen des Kultusministeriums verbergen sich ernste strukturelle Probleme. Trotz über 1.100 neu eingestellten Lehrkräften gibt es weiterhin Engpässe, regionale Ungleichgewichte und wachsende Belastungen für das gesamte System. Hinzu kommen gravierende finanzielle Einschnitte, die viele bestehende Herausforderungen weiter verschärfen.

Inhaltsverzeichnis:

Neue Lehrkräfte, aber alte Probleme

Laut dem Sächsischen Kultusministerium wurden zum Schuljahr 2025/26 insgesamt 1.114 neue Lehrkräfte eingestellt. Darunter befinden sich 885 grundständig ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen, also über 100 mehr als im Vorjahr (773). Zusätzlich wurden 104 Lehrkräfte übernommen, die ihre Ausbildung in anderen Bundesländern abgeschlossen hatten. Außerdem traten 229 Seiteneinsteiger nach Qualifizierungsmaßnahmen ihren Dienst an. Damit wächst der Schuldienst um 438,5 Vollzeitäquivalente (VZÄ) im Vergleich zum Vorjahr.

88 Prozent der in Sachsen ausgebildeten Lehrkräfte bewarben sich für Stellen im Freistaat. 93 Prozent dieser Bewerber wurden eingestellt. Kultusminister Conrad Clemens bezeichnete diese Zahlen als Erfolg und betonte die Attraktivität des Lehrerberufs in Sachsen. Doch nicht alle Schularten profitieren gleichermaßen. An Oberschulen ging die Zahl der besetzten Planstellen leicht zurück – von 7.260,7 auf 7.218,4 VZÄ. Deshalb kündigte das Ministerium vermehrte Abordnungen von Grund- und Gymnasiallehrkräften an.

GEW Sachsen kritisiert Lehrermangel und Sparmaßnahmen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schlägt Alarm. Der Lehrkräftemangel sei nach wie vor massiv, zusätzlich werde nun an zentralen Stellen gespart. Der Schuljahresstart stehe unter „düsteren Vorzeichen“, so die Einschätzung des Landesvorsitzenden Burkhard Naumann.

Er kritisiert, dass über Jahre hinweg zu wenig gegen die Personalnot getan wurde. Jetzt verschärften Haushaltskürzungen die Lage weiter. Viele Schulen arbeiten am Limit. Ohne ausreichend Lehrkräfte, Vertretungen und Förderangebote droht das System zu kollabieren. Naumann fordert daher ein sofortiges politisches Umdenken.

Kürzungen bei Inklusion, Ganztagsangeboten und Förderung

Die Liste der Kürzungen ist lang und betrifft zentrale Bereiche des schulischen Alltags. Laut GEW wurden unter anderem folgende Maßnahmen beschlossen:

  • Reduzierung der Förderstunden für Inklusion
  • Kürzungen bei Ganztagsangeboten (GTA)
  • Streichungen schulischer Budgets sowie Programme zur Hausaufgabenbetreuung
  • Keine Weiterentwicklung der Schulassistenz

Viele Beschäftigte erhielten erneut nur befristete Verträge. Das zerstört Vertrauen und verhindert langfristige Planung. Auch der versprochene Ausbau der Unterstützungssysteme bleibt aus.

Ausbildung und Betreuung des Lehrernachwuchses leiden

Auch bei der Lehrerausbildung gibt es Einsparungen. Referendarinnen und Referendare erhalten weniger Betreuung. Fachberatung wird gekürzt. Die Folge: Mehr Abbrüche im Vorbereitungsdienst und sinkende Qualität der Ausbildung. Hinzu kommt, dass durch Abordnungen auch Klassenleitungen an Grundschulen unterbrochen werden – ein schwerwiegender Eingriff in die pädagogische Kontinuität.

Die 21 Maßnahmen zur Reduzierung von Unterrichtsausfall erhöhen die Belastung deutlich. Anrechnungsstunden werden gestrichen, Altersermäßigungen reduziert, Fachberatung abgeschafft. Der Druck auf Lehrkräfte steigt weiter.

Lehrkräfte am Limit

Unterricht wird zunehmend fachfremd und schulartfremd erteilt. Individuelle Förderung fällt weg, das Referendariat leidet unter schlechter Betreuung. Schulleitungen sehen sich gezwungen, mit ständigen Notlösungen zu arbeiten. Claudia Maaß, Lehrerin und stellvertretende Vorsitzende der GEW Sachsen, kritisiert: „Mehr Unterrichtsversorgung“ bedeute de facto eine Verschlechterung der Qualität. Lehrkräfte, die ohnehin überlastet sind, sollen noch mehr übernehmen.

Die Kombination aus zu wenig Personal und zu wenig Ressourcen gefährdet das gesamte Bildungssystem.

GEW fordert politischen Kurswechsel

Die GEW Sachsen fordert einen echten Neustart in der Bildungspolitik. Dazu gehören:

  • Ein runder Tisch mit Ministerium, Gewerkschaften, Eltern und Schülervertretungen
  • Zielgerichtete Maßnahmen für Oberschulen, Förderschulen und ländliche Regionen
  • Ein umfassendes Bildungspaket, das auf Qualität und Chancengleichheit ausgerichtet ist

Die aktuelle Lage erfordert entschlossenes Handeln. Ohne strukturelle Reformen wird sich die Bildungsqualität im Freistaat weiter verschlechtern.

 Quelle: Leipziger Zeitung